KAISERLICHES PATENTAMT

AUSGEGEBEN DEN 2 OKTOBER 1909

PATENTSCHRIFT Nr. 214019; Klasse 77h. GRUPPE 3.

Dr. HUGO ERDMANN IN CHARLOTTENBURG

Fullgas fur Luftfahrzeuge

Patentiert im Deutschen Reiche vom 14. August 1908 ab.

Die Erfindung bezieht sich auf ein Fullgas fur Luftfahrzeuge und besteht darin, dass uberhitzter Wasserdampf, z. B. solcher in ungespanntem Zustand, bei einer Temperatur von uber 100o oder Gemische von anderen Gasen darin benutzt werden.

Die bisher benutzten Materialien, denen die Luftschiffe ihren Auftrieb und ihre Tragfahigkeit verdanken, lassen sich in zwei Gruppen teilen. Einmal, werden brennbare Gase von niederem spezifischen Gewichte verwandt, und zweitens erhitzte Luft. Beide Methoden bringen, wie die Erfahrung gezeigt hat, eine erhebliche Feuersgefahr mit sich; denn wie man auch die Ballons oder tragenden Teile des Luftschiffs konstruieren mag, immer werden dabei leichte Materialien, wie tierische und pflanzliche Fasern und Haute, Gummi, Leichtmetalle, eine wesentliche Rolle spielen. Alle diese Materialen werden aber vom Feuer sehr leicht ergriffen, verbrannt oder zerschmolzen. Die Verwendung eines feuersicheren Fullmaterials fur Luftschiffe muss daher als sehr vorteilhaft erscheinen. Die nicht brennbaren oder wenigstens nicht feuergefahrlichen leichten Gase, wie Helium oder Ammoniak, verbieten sich aber teils durch die Schwierigkeit ihrer Gewinnung, teils durch ihre atzenden Eigenschaften. Wasserdampf, der nicht uberhitzt ist, wird sehr schnell kondensiert, was bei uberhitztem Wasserdampf, besonderes in Mischungen mit anderen Gasen, wie spater gezeigt wird, nicht der Fall ist.

Das Fullgas nach der Erfindung lasst sich namentlich bei den starren Luftschiffen mit Vorteil benutzen. Die bei diesen ohnehin angewandten mehrfachen Umhullungen wirken dabei verhindernd auf die Warmeausstrahlung, indem die zwischen den Umhullungen befindlichen ruhenden Luftschichten als Isolator dienen. Diese isolierende Wirkung kann noch durch Einfullung eines der bekannten Warmeschutzmittel, z. B. von Eiderdaunen, verstarkt werden. Ausser der Feuersicherheit bietet die Verwendung von Wasserdampf als Fullmaterial noch den wesentlichen Vorteil, dass die Nachfullung uberall leicht geschehen kann und der Luftschiffer nicht erst auf die Beschaffung von Wasserstoff oder Leuchtgas warten muss. Die Notwendigkeit der Umkleidung des Ballons durch mehrfoche Hullen, Eiderdaunen u. dgl. macht das Luftschiff zugleich weniger empfindlich gegen Sonnenstrahlung und Wolkenbeschaltung sowie widerstandsfahiger gegen anprallende Korper (Vogel, Projektile, o. a. m.), was unter Umstanden von Wichtigkeit sein kann.

Beispiel I.

Ein Ballon von 1000 cbm Inhalt wird mit ungespantem, trocknem Wasserdampf von 105o Temperatur gefullt. Der Auftrieb der Fullung betragt reichlich 700 kg. Um die Tragfahigkeit wahrend der Fahrt aufrecht zu erhalten, bedarf es nur eines Ersatzes der durch Strahlung verloren gehenden Warme. Dieser Ersatz kann durch direktes Einblasen von uberhitztem Wasserdampf bewirkt werden.

Unter Umstanden wird es zweckmassig sein, den Wasserdampf mit Wasserstoff, Leuchtgas, Stickstoff oden atmospharischer Luft zu mischen. Man erreicht damit einmal den Vorteil, dass infolge der Gasausdehnung und Wasserdampftension z. B. mit einer verhaltnismassig kleinen Menge von Wasserstoffgas ein grosser Ballon gefullt und die Tragfahigkeit des Gases ohne wesentliche Mehrkosten gewaltig erhoht werden kann; andrerseits darf sich aber eine solche Mischung wahrend der Fahrt erheblich unter 100 Grad abkohlen, ohne dass eine Kondensation von Wasser zu befurchten ist.

Beispiel 2.

Ein Ballon von 2000 cbm Inhalt wird mit 1000 cbm Wasserstoffgas und gleichzeitig mit dem aus 270 kg Wasser entwickelten Dampf gefullt. Der Dampf wird vor der Einfullung so stark erhitzt, dass die Temperatur der Mischung im Ballon gegen 140o betragt. Es wird ein Auftrieb von reichlich 2200 kg erreicht, also nur um 8 Prozent weniger als bei Fullung des ganzen Ballons mit reinem Wasserstoffgase.

Beispiel 3

In einem mit Luft gefullten Ballon von 5000 cbm Inhalt wird der aus 600 kg Wasser entwickelte Dampf durch eine Verteilungsduse eingeblasen, und zwar in so stark erhitzten Zustande, dass die Temperatur des durchgemischten Balloninhalte gegen 95o betragt. Der Auftrieb stellt sich dabei auf nahezu 2000 kg.

PATENT-ANSPRUCHE:

1. Uberhitzter Wasserdampf als Fullgas fur Luftfahrzeuge.

2. Fullgas nach Anspruch 1, dadurch gekennzeichnet, dass dem uberhitzten Wasserdampf andere Gase oder Gasgemische beigemengt sind.

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